Gefühlschaos
Seit dem 18.07.2010 ist die Scheibe jetzt draußen. Scheibe in dieser Form ist vielleicht (noch) nicht ganz richtig, denn die erste EP von Horrible Hawk bietet der sympathische Nordhesse auf seiner MySpace-Seite zum [»] kostenlosen Download an. Für ‘nen Fünfer kann man sich die aber auch zu schicken lassen, wie ich so eben erfuhr.
Warum ich selbiges auch euch wärmstens empfehle, werde ich in den folgenden Zeilen mal etwas genauer erläutern.Der Künstler, welcher auf den bürgerlichen Namen Kevin Frese hört, schreibt auf seiner Seite über sich selbst:
Schreiben befreit die Seele. Es ermöglicht, mit momentan vorhandenen oder bereits vergangenen Komplikationen endgültig abzuschließen. Manche Menschen kritzeln ihre wöchentlichen Erlebnisse in ein Tagebuch oder nutzen ihren ganz persönlichen Blog im Netz, um dort ab und zu diverse Gedankenfetzen niederzuschreiben. Andere hingegen versuchen, ihr persönliches Kopftheater kreativ und lyrisch zu verpacken. (…)
One step beyond – einen Schritt weiter quasi. Während ich meine lyrischen Ergüsse unvertont und ungereimt in’s World Wide Web bringe, entschied sich Kevin für das Gegenteil:
Nichts geschieht durch Inspiration. Diverse Hip-Hop Jams, Rap- und Soulmusik aus den 90er Jahren, bestimmte Menschen sowie Umwelt und Natur trugen letztendlich dazu bei, dass Horrible Hawk im Herbst 2008 erste lyrische Akzente setzte. (…)
Schluss jetzt mit der Rederei um den heißen Brei. Was folgt ist eine messerscharfe und bis ins Detail ausgearbeitete Analyse der Gefühlschaos-EP. Tune that shit up, Baby!
1. Besinnliche Musik (feat. ReeR) – Der erste Track gibt einen guten Einblick darüber, worum es in fast allen Songs geht – Gefühle.
Dieser ist allerdings eher weniger bedrückend, denn im Kern dreht es sich um ein gutes Gefühl das man bekommt, wenn man besinnliche Musik hört. Ich mach’ besinnliche Musik, Musik für Seele und ich fühle Gänsehaut wenn sanfter Sound in meine Ohren kriecht. Dreh’ die Speaker bis zum Anschlag auf, bis die Nachbarn sich beschweren, mir ist’s egal weil ich das brauch’. Genau das ist der Grund, warum Menschen in verschiedensten emotionalen Lagen zu ganz bestimmter Musik greifen. Man kennt es doch selbst. Bei schlechter Laune wird die Lieblingsplatte aufgelegt und im Idealfall fühlt man sich direkt besser, ja ich möchte fast schon sagen geborgen und wohl behütet. Das ist besinnliche Musik, wir beide fühlen diese Melodie, weil sie uns so viel Wärme gibt. Das ist die Hand, die uns aus der tiefsten Tiefe zieht und wahrscheinlich bester Freund der uns in diesem Leben blieb.
2. Frühling – Bevor der textliche Part überhaupt anfängt wird man von einem ruhigen Beat verwöhnt, der dazu beiträgt, dass man sich gedanklich sehr gut in diese Jahreszeit hinein versetzen kann. Letztendlich sind es aber die Metaphern und Reime, die einem fast schon automatisch das Kopfkino einschalten lassen. Ich konnt’ es kaum erwarten, bis Sonne meine Haut berührt. Der Winter war so kalt, ich hab’ mein Herz nicht mehr gespürt, doch jetzt ist Frühling – Blumen sprießen aus der Erde, Städte leuchten farbenfroh und jeder freut sich über Wärme. Ich mach jetzt Frühjahresputz und wisch’ den Staub von meinen Lippen, tausche Sorgen gegen Leichtigkeit, ich will nach vorne blicken. Es ist wie ein kleiner Gedanke der sich während des Hörens unbemerkt in den Kopf schleicht und dafür sorgt, das man sich aus eigenen Erinnerungen den Frühling vor Augen hält.
3. Lernen Zu Vergessen – Ein Paradebeispiel für das kreative Verpacken von persönlichem Kopftheater. Wie der Titel bereits erahnen lässt handelt er von Erinnerungen und Geschehnissen aus der Vergangenheit. Ob man das Vergessen wirklich lernen kann ist die eine Frage. Fest steht aber auf jeden Fall, dass es meist leichter gesagt, als getan ist. Ich würd’s gern schaffen sorgenfreier einzuschlafen, doch ich muss mal wieder ständig kleinste Kleinigkeiten hinterfragen. Ich würd’ das gerne konsequenter ignorieren und ich wünschte manchmal einfach ich wär’ so wie all die anderen hier. Die sind locker drauf und in der Schule waren sie Klassenclown, ich war oft neidisch, denn mir fehlte dieses Selbstvertrauen. Der zweite Abschnitt geht für den Hörer noch etwas weiter hinab in die Gedankenwelt des Horrible Hawk, allerdings möchte ich an dieser Stelle nicht zu viel verraten.
4. Schmaler Pfad (Remix) – Es beginnt mit einem relativ düsteren Beat der den Refrain nur allzu gut untermalt. Seit dem ich denken kann lauf’ ich den schmalen Pfad entlang. Droh deswegen tief zu fallen, denn niemand reicht mir seine Hand, weil ich den Lebens-Sinn bisher weder hier noch anders fand fällt mir heut’ das Lachen schwer wie Kindern im Entwicklungsland. Und offensichtlich fehlt das Glück an diesen schwarzen Tagen. Es bleiben Selbstkomplexe, tausend Ängste zu versagen. Es sind Aussagen, die einen direkt ansprechen, weil sie unverändert aus dem Leben gegriffen sind. Es ist doch so, dass du nicht wahrgenommen wirst, wenn du anders als die anderen bist und deshalb resignierst. Traurig, aber wahr.
5. Zuwider - Der mit Abstand kürzeste (1:41) aber intensivste Song auf dieser EP. In meinen Augen Ohren so gut durchkonzeptioniert, dass ich am liebsten jede Line zitieren würde. Die Thematik ist eine alte, aber mir nicht unbekannte. Während viele sich (vermehrt am Wochenende) dazu entscheiden Clubs zu besuchen und den Alkohol fließen zu lassen wie Harald Juhnke in seinen besten Zeiten, möchte man selbst gelegentlich lieber mal die freie Zeit nutzen, um den Kopf wirklich frei zu bekommen. Ihr holt die Sonnenbrille raus auch wenn es draußen schneit und folgt in eurem Leben stets dem neusten und dem geilsten Hype. Ich könnt’ zu Hause sein, so viele schöne Dinge machen, könnte Bücher lesen, könnte schreiben, könnt’ so vieles schaffen. Stattdessen hock’ ich in der Disco komme nicht mehr klar, weil mir erneut bewusst wird, dass ich immerzu schon anders war.
6. Herbstwind (feat. Charlotte, Duo Mondsüchtig) – Vom wörtlichen Charakter das Antonym zum zweiten Track. Allerdings handelt es sich hierbei nicht um einen Kontrast zur Jahreszeit Frühling, sondern eher um den positivsten Track. Es gibt kein’ Grund enttäuscht zu sein, der Sommer wird schon wiederkehren. Bis dahin strahlt der Herbst im vollen Glanze wie ein heller Stern. An dieser Stelle hat sich der fürchterliche Falke Unterstützung in weiblicher Form geholt, was nicht zuletzt dazu beiträgt, dass sich dieses Lied von den restlichen fünf etwas absetzt. Insgesamt rundet es auf jeden Fall das Konzept dieser EP ab und ist ein gelungenes Ende einer Reise auf die Kevin die Hörer mitnimmt. Du kannst es schaffen auch wenn Regen dir die Sicht erschwert, lern zu Denken wie ein Optimist und hab’ dein Leben gern.
Für mich ist das Debüt besonders deshalb gelungen, weil es eine EP ist, die man von vorne bis hinten ohne die Skip-Taste durchhören kann. Alles wirkt sehr rund und aufeinander abgestimmt. Ich kenne den Homie wie bereits mal erwähnt von früher und hätte mit so einem grandiosen Werk nun wirklich nicht gerechnet. Um so mehr erfreut war ich nach dem ersten durchhören. Hut ab also an dieser Stelle und direkt die Bitte hinter bei Gelegenheit mal ein Album folgen zu lassen.
Übrigens würde ich es musikalisch irgendwo zwischen Umse und Prinz Pi einordnen.
Zum Schluss möchte ich noch sagen, dass diese Musik sicherlich nicht jeder Manns Sache ist und selbst ich bin eher so der Gelegenheitshörer was HipHop und Rap angeht. Da sich dieses Werk aber vor allem von den Ich-F*ck-deine-Mutter-du-H*rensohn-Künstlern absetzt kann ich wirklich jedem empfehlen mal reinzuhören.
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